Rose, einfach nur Rose …

Keine Ahnung, woher ich weiß, dass die reale Welt nicht auch eine weitere Simulation ist. Eigentlich weiß ich das auch nicht, aber bis zum Beweis des Gegenteils ist die wirkliche Wirklichkeit immer noch spannender als alles was dahinter, danach oder davor eventuell rumwurschteln könnte. Wäre die Illusion perfekt, könnte ich nicht wissen, dass sie eine Illusion ist, also kann mich die wirklich echt echte Wirklichkeit mal. Gut, manchmal, wenn mir das Bild verrutscht, denk ich mir auch kurz mal: Oho, was kann das sein? Aber immer dreh ich mich noch mal auf die Seite und warte einfach bis der Rausch wieder alltagstauglich wird.

So wie Rosemarie, wenn sie den Obstler mal wieder mit dem Klosterfrau Melissengeist verwechselt hat. Oder war es umgekehrt? Dabei hatte sie ihr Anton ja immer gewarnt: Es geht dir doch beschissen meist, nach einer Flasche Melissengeist. Wie recht er immer noch damit hat, erfährt sie einmal im Jahr. Schon zum achten Mal brummt ihr der Schädel als sie aufwacht, das dicke Fotoalbum auf dem mit goldener Schrift „Anton und Rose“ steht als Kopfkissen missbrauchend. Das fand sie immer sehr fein vom Anton, dass er sie so nannte, nicht so fein, fand sie, dass er ihr den schwarzen Wirbelwind hinterließ, der laut vor sich hin brummschnurrend ihren Schoß betrampelte.

„Aua, du Zausel! Hast du’s noch immer nicht gelernt die Krallen einziehen!“, schalt sie den Zausel, den sie im Ärger vor Jahren auch Zausel getauft hatte und seither so rief. Was ihn nicht kümmerte. Wichtig für Zausel waren eine warme Decke, ein warmes Sofa, eine warme Heizung, ein warmer Schoß und vor allem Essen, das konnte auch kalt sein, nur reichlich vorhanden sollte es sein. All das war ihm so wichtig wie die Hand, die ihn nicht nur fütterte, sondern auch streichelte und kraulte und die er ab und zu zum Dank leckte oder auch biss wenn es ihm nicht gefiel. Der Rest war so ziemlich egal, so egal, wie die Frage, ob sein eigenes Spiegelbild, dass er regelmäßig anfauchte, real oder eine Illusion ist. Egal war ihm auch sein wenig schmeichelhafter Name, auf den er ohnehin nicht hörte, auch wenn er angeflitzt kam, wenn Rosemarie eine Dose öffnete und ihn rief. Aber da hätte man auch meinen können, er hieße Räritsch, oder wie auch immer man ein Dosenöffnungsgeräusch übersetzen mag.

„Rosemarie“ war doch recht eigentlich kein richtiger Name, befand Rose schon seit sie von ihrer Mutter so gerufen wurde, was sie ihr nie verzieh. „Warum kommst du denn nicht zur Oma, Rosemarie?“ fragte ihre Tochter, wartete die Antwort wie stets nicht ab und setzte Max mitsamt Wagen ab. „Nicht wahr Mäxchen, du magst Friedhöfe auch nicht?“, frug Rose ihren Enkel, der sie begeistert anbrebbelte und ihr zur Freude seine Mutter noch nicht wie gewollt nachsprechen konnte und in einem Fort „oh … anieie“ rief. Ein Glück war ihre Tochter schon zu diesem einen Friedhof enteilt, den sie tatsächlich nicht mochte und den sie verdächtigte so oft besucht zu werden, damit ihre Tochter sich regelmäßig versichern konnte, tatsächlich so früh und reichlich geerbt zu haben. „Zuschnattern würd‘ die dich wieder!“ sprach Rose Mäxchen an mit einem Blick, der auch seinen schlagartig verfinstern sollte. Dieses ständige „Rosemarierosemarie – wie heißt die Oma? Die Oma heißt Rosemarierosemarierosemarie“ ließ sie neulich diesen Vortrag unterbrechen mit den Worten „Hörst du mal auf damit, du verrücktes Huhn! Der Junge ist doch kein Papagei!“ – „Aber auch kein Kater!“, rief die Gescholtene und nahm das Streitobjekt in den Kinderwagen und kämpfte sich in den Hausflur.

Jetzt gibt es keinen Vorkrippensprachunterricht, aber große Augen, fast so groß wie die von der Oma, wenn sie ihre Brille auf hat. „Ach, du grüne Neune!“, seufzt Rose, doch bevor das Weinen beginnen kann, ist Zausel zur Stelle. Zausel mag Mäxchen und Mäxchen mag Zausel, was beide jedesmal vergessen haben und aufs Neue lernen müssen. Während der Eine zunächst vorsichtig schnuppernd die Erkundung beginnt und so langsam seine Erinnerungen auffrischt, nimmt der Andere neugierig glotzend dieses komische Wesen in Empfang. Und nur wenig später sind beide wieder zufrieden glucksend und schnurrend vereint.

Auch Rose ist über diese Abwechslung erfreut. „Tja, Binchen, das wird der feinen Dame nicht passen, nicht wahr. Aber da kann ich dir tausendmal sagen, dass die zwei sich verstehen, aber neee…“, sprach sie in ihre Kommode hinein, kramte dabei ihr Strickzeug heraus. Auf ihrem Sofa breitete sie aus was sie brauchte und zum ersten Mal seit fünf Jahren hielt sie Teddy in der Hand, den Teddy, der schon immer so hieß. „Naja, ist ja auch ein Teddy!“, sagte Anton damals, als er ihn ihr überreichte und als sie später im Schaufenster sah, dass Preisschild auf dem 50 Mark geschrieben stand sah. Wissend, dass ihr Verlobter keine 35 Mark in der Woche verdiente, wollte sie ihrem Anton nun glauben, dass Anton auf dem Rummelplatz ein Glückslos gezogen hatte. „Anton, Anton – seiner Liebsten einen Teddy schenken wozu sollte das gut sein.“, fragte sie eher den Bären als den abwesenden Anton, aber der hätte wohl auch gleich zu Max rüber gesehen und ihr zugenickt.

„Nagut, dann soll es so sein“, beschloss Rose und flickte die von „Zausel, du Rüpel“ zerzausten Ohren und Hände und summte dabei das, an was sie sich erinnern konnte. „Hab ja auch sonst keenen, der meim Gesinge zuhört!“. Wie aus Protest ließ Zausel nun den schlummernden Zwergenmensch alleine, sprang auf das Fensterbrett und fing an mit einen wilden Tanz die ersten Schneeflocken zu begrüßen. „Oho, was kann das sein!“, dachte er sich und zuckte kurz vor diesem weißen Riesen-Teddy zurück. Aber nur kurz, denn er musste mit allem was er hatte verhindern, dass dieses nichteuklidische Etwas sich Mäxchen näherte. Mit einem Sprung, den er sich bis zu diesem Augenblick selbst nicht zugetraut hätte, brachte er diesen komischen grünen, nadeligen Baum, der zum Kratzen nicht taugte, aber doch einiges Spielzeug bereit hielt, dazu auf das Schneemonster zu stürzen.

Als die alte Frau auf die Trage gehoben wurde, wachte sie doch noch auf. Ihre Blicke suchten das Kind. „Dem Jungen geht es gut, Frau Fuchs!“, sagte der junge Mann über ihr und kam dann erst seiner Pflicht nach. „Frau Fuchs? Sie sind doch die Frau Rosemarie Fuchs? Haben Sie Schmerzen? Wo tut es Ihnen weh? Verstehen Sie mich? Wir müssen wissen …“
– „Ach Jungchen … Rose, einfach Rose …“

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