P V – Ein Mensch, auch ohne Papiere

In der neuen Nummer des Darmstädter Stadtkulturmagazins bin ich auf außerliterarischen Fährten unterwegs, und doch geht es zumindest um Reime. Der nach wie vor von der Abschiebung bedrohte Rapper Afro Hesse wird von mir vorgestellt. Nach Redaktionsschluß erreichte uns dann die freudige Nachricht, dass er aus der Haft entlassen wurde und der Hessische Petitionsausschuss im Landtag sich mit seinem Fall auseinandersetzt, so besteht zumindest etwas Hoffnung. Aber ansonsten sag ich mal: Für freies Fluten …

Wann ist einer typisch deutsch? Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Aber vielleicht ist die Biographie von Afro-Hesse typisch für Deutschland. Der Rapper, der seine Jugend in Darmstadt verbrachte, saß bis Mitte Oktober in Berlin in Abschiebegewahrsam, ihm droht nach wie vor die Abschiebung. Seine Lieder laufen um so häufiger im Radio, auf YOU FM zum Beispiel.

Die polizeiliche Ausweiskontrolle, in die er im August geriet, wäre für anerkannte deutsche Staatsbürger kein Problem gewesen. Für ihn war es eins, denn er hatte keinen Ausweis dabei. Einen Aufenthaltsstatus hat er nicht und so endete seine seit 2003 andauernde Odyssee wegen einer Lapalie in der Illegalität. Jetzt soll nach dem Willen der deutschen Behörden das passieren, was Afro-Hesse mit dem Abtauchen verhindern wollte: Er soll nach Algerien abgeschoben werden, in das Land, das er als kleines Kind zuletzt sah und das ihm seit seiner Jugend fremd geworden ist. Seine gesamte Jugend hat er in Südhessen verbracht: „Ich bin ziemlich deutsch!“, sagt er.

Vergeblich führte seine Familie seit ihrer Einwanderung nach Deutschland Anfang der neunziger Jahre den Kampf um die offizielle Anerkennung. Doch die Anträge auf Duldung und Aufenthaltserlaubnis wurden immer wieder abgelehnt. Als Afro-Hesse 17 Jahre alt ist, soll die Familie das erste Mal das Land verlassen. Mit 23 Jahren ist die Lage dann für ihn so brenzlig, das er beschließt, Darmstadt zu verlassen und illegal zu leben. Er hat in den folgenden Jahren kaum Geld, keine Wohnung, keine Arbeit und ist auf die Unterstützung von Bekannten und Freunden angewiesen. Was ihm hilft, über Wasser zu bleiben, ist seine Liebe zur Musik – vor allem zum Rap. Alte und neue Kontakte zu Produzenten, ob in der alten hessischen Heimat, in Paris, oder in Berlin machen ihn in der HipHop-Szene immer bekannter.

Er lernt mit seiner ansteckenden Begeisterung viele Menschen kennen, die ihm helfen. So hat der Vollblut-Musiker auch mit zwei veröffentlichten Alben nach eigener Aussage Sachen geschafft, die die meisten Legalen nicht hinkriegen. „Durch mein Leben spreche ich fünf verschiedene Sprachen. Das beweist doch, dass man keinen Ausweis haben muss, um ein Mensch zu sein!“ erklärt Afro.

Musikbegeistert ist er schon als kleiner Junge. Angefangen hat alles mit dem Frankfurter Eurodance-Projekt Snap! („I‘ve got the power“), das er schon in Algerien kannte und toll fand. Bewußt und aktiv mit HipHop kam Afro-Hesse dann in Darmstadt in Berührung, als auch hier eine kleine Szene entstand. Wie bei so vielen ging es mit Breakdance los. Nachdem Mitarbeiter des städtischen Jugendhauses Oetinger Villa ein kleines Kellerstudio einrichteten, griff Afro-Hesse schnell zum Mikrofon. „Letztendlich habe ich damals nur versucht, zu den Beats zu reimen, was mir das aber noch alles bringen sollte, das hab‘ ich damals noch gar nicht verstanden.“, wirft er einen Blick zurück, auf die ersten Schritte, die er mit Scharfes S. Manges, Till Sunrise und Baggefudda gemeinsam ging.

Und noch etwas anderes änderte sich in Afro-Hesses Leben, der in der Schule oft als „Kanake“ und „Asylantenkind“ beschimpft und gehänselt wurde: „HipHop ist seitdem meine Lebenseinstellung. Ich rebelliere mit HipHop, schütze mich und decke mich damit zu.“

Davon zeugt auch sein Song „Verlorener Sohn“ auf dem Album „Der verschollene Immigrant“ (2007). In dem heißt es: „Die Bürokraten haben mich lebendig begraben – wie hängen geblieben, sie haben mich von meiner Familie vertrieben – Deutschlands Asylgesetze sollt man verbieten“

Für seine Veröffentlichungen kommt es immer wieder zu Features, unter anderem mit Böse Zungen, Olli Banjo, Lunafrow, DJ Tomekk, Afu-Ra und auch dem rockigen Joachim Deutschland. Das er als Illegaler mit diesen Szenegrößen zusammenarbeiten konnte, ist für ihn folge einer Gemeinsamkeit:“Egal, ob man Millionen Platten verkauft oder nicht, dass man in der Musik mit einem Herz schlägt!“.

Auf das Netzwerk, das Afro-Hesse sich in den vergangenen fünf Jahren aufgebaut hat, kann er zurückgreifen. Die Berliner HipHop-Szene unterstützt ihn unter anderem mit einem Soli-Konzert und die linke Rechtshilfe-Organisation Rote Hilfe bei der Auseinandersetzung mit der Justiz. Sogar Landtagsabgeordnete der Grünen besuchten ihn schon. „Ich habe das Glück, dass meine Musik auf mich aufmerksam macht“, glaubt Afro. Und er weiß:“Ohne meine Verlobte und meine Musik wäre ich nichts“. ( Egon Alter)

Support für Afro-Hesse
Seine CDs sind für alle, die an seinen Songs interessiert sind, im Fachhandel erhältlich. Noch mehr kann man Afro-Hesse zurzeit durch seine direkte finanzielle Hilfe über das Spendenkonto der Roten Hilfe unterstützen:

Rote Hilfe Berlin
Stichwort Afro-Hesse
Berliner Bank
BLZ: 100 200 00
Kto.-Nr.: 71895 90 600

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