P III – Melancholischer Haiku

Dieser Artikel über eine unabhängige Darmstädter Schreibwerkstatt erschien schon in der Mai-Ausgabe des Stadtkulturmagazins P. Zwei Anmerkungen: Die Überschrift finde ich nicht so passend, weil sie den Charakter dieser vorgestellten Gruppe nicht trifft. Das ursprüngliche Zitat „Ade Luisenplatz!“ wäre da schon knackiger gewesen, das passte aber nicht mehr, weil die Abbildung des Buchtitels den Artikel illustrierte. Tja, und zweitens bin ich mit mir nicht so ganz zufrieden, da kämpfe ich immer noch mit der Platzbeschränkung. Learning by writing!

Melancholischer Haiku

Der Werkkreis Literatur kritisiert mit Mitteln der Schreibkunst

„Eingreifende oder ergriffene Literatur?“, fragte der Schriftsteller Peter Paul Zahl 1975. Der Werkkreis hat sich für Ersteres entschieden. Der Werkkreis ist eine junge Schreibwerkstatt mit langer Tradition und ein bundesweiter Zusammenschluss von literarischen Arbeitskreisen in verschiedenen Städten.

Seine bewegte Geschichte beginnt nicht erst mit der Gründung im Jahre 1970, denn mit ihr wurd bewusst an das Schaffen der Autoren und Autorinnen angeknüpft, die sich in der Weimarer Republik mit der Arbeiterbewegung solidarisierten. Eine weitere Tradition, auf die man sich berief, war die „Gruppe 61″. Diese Schriftstellervereinigung machte in ihren Texten auf die Probleme der abhängig Beschäftigten in der noch jungen Bundesrepublik aufmerksam. Der Werkkreis wollte noch einen Schritt weiter gehen und schreibenden Arbeitern eine Plattform bieten.

In den folgenden Jahren trafen sich bis zu 38 Gruppen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Vierteljährlich erschien bis 1987 eine Anthologie im Fischer Verlag, in der in unterschiedlichen literarischen Formen über die verschiedenen Erfahrungen in der Arbeitswelt berichtet wurde. Der gesellschaftskritische Anspruch der Schreibenden wurde schrittweise auf andere Themen ausgeweitet, so fand auch Literatur von Migranten hier ihr erste Sprachrohr. Unter anderem erschienen erste Geschichten von Rafik Schami in den vom Werkkreis herausgegebenen Bänden.

Die Darmstädter Gruppe bildete sich 1976, schon drei Jahre später erschien in der Georg-Büchner-Edition Darmstadt der eigenständige Sammleband „Ade, Luisenplaz“. Der Titel spielte auf den damaligen Umbau der Stadtmitte an, das Luisencenter und andere Neubauten waren stark umstritten.

1984 löste sich die Darmstädter Werkstatt aus verschiedenen Gründen wieder auf. So erging es auch anderern Ortsgruppen, aktuell wird in neuen deutschen Werkstätten das literarische Handwerk ausgeübt. Eine davon ist die Darmstädter, die im Herbst 2006 wiedergegründet wurde, initiiert von Artur rümmler, der auch schon der ersten Generation angehörte. Aktuell diskutieren einmal im Monat bis zu acht Autoren und Autorinnen ihre Texte.

Die Treffen finden an keinem festen Termin und im privaten Kreis statt, dort wird in lockerer Atmosphäre ohne Konkurrenzdruck gearbeitet. Die besprochenen Entwürfe werden im Sinne des Verfassers und mit ihm verbessert. Dazu gehören Titelvorschläge, Feilen an Stil und Ausdruck sowie Ratschläge für größere Projekte. Den Schreibenden wird beim Erzählen geholfen, guten Erzählern beim Schreiben. Außerdem gibt es Aufnahmegeräte, mit denen das Erzählte protokolliert werden kann. Denn auch diejenigen sollen eine Stimme bekommen, die (noch) nicht literarisch schreiben können.

Egal, ob melancholischer Haiku oder längere Prosa: Im Vordergrund steht immer, dass jemand etwas Interessantes zu erzählen hat. Der Alltag in Darmstadt steht im Mittelpunkt und wird nach wie vor kritisch betrachtet. Auch deswegen legt der Werkkreis wert darauf, dass unabhängig von Parteien, Verbänden und städtischen Geldern gearbeitet wird. Zurzeit wird wieder ein Sammelband erstellt und auch neue Lesungen sind geplant. Unter http://politnetz.de/gruppen/werkkreis sind die aktuellen Termine und Textproben veröffentlicht.
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