P II – Speakers‘ Corner im Herrengarten

Für die Juniausgabe der Stadtkulturmagazins porträtierte ich den Darmverlag. Außerliterarisches gibt es von mir in diesem Monat auch: In dem Heft, in dem wiesollteesanderssein dem Fußballwahnsinn gefrönt wird, berichte ich in der Rubrik „Darmstädter Typen“ über die allseits bekannten Schneekönig und Frank Jebautzke. Außerdem feiert das drittälteste Jugendhaus Deutschlands 50-Jähriges, auch das war mehr als eine Seite wert.

Hier und jetzt aber mehr zur hiesigen Literaturszene:

Speaker’s Corner im Herrngarten

Der Darmverlag will die Innenstadt zwangspoetisieren

Zeitschriften müssen nicht nur nach einem einzigen Buchstaben benannt werden. Das beweist ein Darmstädter Künstlerkollektiv mit seinem „Darmschlingerkursheft“: der Darmverlag. Der kreative Zusammenschluss verschiedener Künstler wurde 2006 mit der Erstellung des „Darmanifestes“ gegründet und will sich nicht auf die Veröffentlichung von Literatur beschränken.

Die Literaten, Filmemacher, Musiker, Maler, Schauspieler, Regisseure, Slammer, „Pandabären und Bizarrsexschlampen“ wollten sich weder mit der Darmstädter Hochkultur noch mit der reinen Szenenische zufrieden geben. In welcher Kulturszene kann sich der Darmverlag dann verorten? „Darmstadt besteht aus Kreativinseln, auf denn sich immer dieselben fünzig Leute begegnen. Je nach Insel hat jeweils ein Teil davon das Recht, sich zu beweihräuchern und zubehaupten, dass das, was hier gerade gemacht wird, wichtiger sei als die etablierte Staatstheater- oder Kennedy-Haus-Kultur“, urteilt Mitstreiter Nesh Vonk. „Von einer Szene würde ich da nicht sprechen.“ Es gehe also vielmehr darum, Literatur und andere Kunstformen dahin zu bringen, wo sie noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat, und alte Bühnen neu zu gestalten.

Im Teeladen Kukicha in der Mauerstraße etwa, der „auf jeden Fall mehr ist als nur ein Teegeschäft“, treffen sich die „Darmschlingel“, wie sie sich selbst nennen, und planen Veranstaltungen und Veröffentlichungen. Jeden ersten Freitag im Monat werden dort bei der offenen Lesebühne „Lesen macht schön“ unter einem bestimmten Motto, wie zum Beispiel „Hitze, Hektik, Herzflimmern“ oder „Feucht allein genügt nicht“ neue Texte präsentiert. Im Sommer wird „LMS“ auch gerne einmal auf die Mathildenhöhe oder in den Herrngarten verlegt. Die grüne Lunge Darmstadts (ode raber ein ganz anderer Ort) könnte demnächst außerdem Schauplatz für eine hierzulande ungewohnte englische Tradition werden, wenn die Literatur-Guerilleros dort einen Speakers‘ Corner ausrufen: Literatur als Zwangspoetisierung der Darmstädter Innernstadt, irgendwo und irgendwann.

Dass Lesungen auch festivaltauglich sind, soll dann Mitte Juli auf dem Nonstock-Open Air in Nonrod im Odenwald bewiesen werden. Zu den neuen konzepten des Darmverlags gehören auch „Ü21″, die szenische Revue für erwachsene im Hoffart-Theater, mit dem expliziem Schwerpunkt auf Sex, Gewalt und Blasphemie, die fantastische Lesehorrorshow „Leben im Nebel“ und der“Improetry“-Slam „Das kosmische Bla!“ in der Oetinger Villa und dem nächst auf dem Hofgut Oberfeld. Neben selbst geschaffenen Auftrittsmöglichkeiten lesen und slammen die Autoren und Autorinnen quer durch die Stadt, sind bei „Lecker Lesen Lassen!“ im Schlosskeller genauso anzutreffen wie bei der „Dichterschlacht“ in der Centralstation.

Eine der ersten Veröffentlichungen war die CD „Entscheidungen sind immer falsch“, die sogar beim Buch-Riesen Thalia im Hörbuch-Regal steht. Das „Darmschlingerkursheft“, in dem schon Alex Dreppec, Tilman Döring, Dennis Schüssler, Nesh Vonk u.v.a.m veröffentlichten, wird von Axel Röthemeyer kongenial illustriert. Manchmal sind Gastschreiber vertreten, und auch neue Schreiber sind jederzeit willkommen. Das Underground-Poesiealbum ist kostenlos und wird in Cafés und Kneipen ausgelegt. Wem eine der bisher sieben Ausgaben fehlt, der muss nicht traurig sein: Das Heft wird in der Universitäts- und Landesbibliothek in Frankfurt archiviert. Oder, noch unkomplizierter, am besten gleich im „Nicht-nur-Teeladen“ vorbeischauen!

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