Opas Schlüsselerlebnis

Diese Kurzgeschichte las ich gestern selbst bei LeckerLesenLassen vor. Vorgeschlagenes Thema war „Schlüsselkindschlüsselanhänger“. Auch hierzu bot noch mArkus hintzen etwas dar, ein ewig kannibalistisch und weltekelnd interpretierte er das Motto. Obwohl seine Gesellschaftskritik den Hang zum Zynismus nicht verleugnen kann, ist sie immer gut begründet, also kein Menschenhass im eigentlichen Sinne. Überzeugen könnt ihr euch daselbst auf seiner Homepage, die hier ja auch verlinkt ist, oder auf einem Sendeschluß-Abend in der Oetinger Villa.

Das nächste LeckerLesenLassen findet übrigens schon am 19. Dezember statt, und zwar zu dem Motto „A big fat holy Nervenzusammenbrunch“. So, und nun genug des Vorgeschwafels, hier die story:

Opas Schlüsselerlebnis

Na, das habt ihr wohl in der Schule gehabt, was? Und da soll ich euch einen erzählen, wie das war. Ja, klar euer Großvater hatte ich auch so einen Schlüssel! Einen richtigen, nicht wie ihr jetzt so, Daumen an den Scanner ranhalten und Sesamöffnedich, neenee, so einfach war das nicht. Nein, einen, waren zwei sogar, für zwei Türen, für die Haustür und für die Wohnungstür, das könnt ihr euch gar nicht mehr vorstellen. Ich mein, wir mussten ja damals noch alles abschließen, ja richtig zumachen, damit keiner rein geht … Wieso da keiner rein gehen sollte in das Haus? Na du stellst Fragen, naja bist ja noch zu jung dafür, ist ja schon was her, ne. Na, wenn die Tür auf war damals, sind doch auch gleich welche rein gegangen und haben was mitgenommen, den Schmuck, das Geld… Was Geld ist?! Na Kleiner, das brauchst du nicht mehr zu wissen, sei bloß froh, das braucht keiner mehr. Naja, aber damals, stand einer ganz schön blöde da, wenn’s auf einmal weg war. Und deswegen immer abschließen, war wichtig.

Nun bin ich ja auch immer draußen rumgesprungen wie ihr nun auch und hab die dollsten Sachen draußen gemacht, brauchste Uropa und Uroma aber nicht erzählen, ne … Ich weiß noch, da waren diese leeren Häuser, da hatten die keine Türen, war ja auch nichts mehr zu holen, leer wie gesagt. Da waren wir drinne, haben raus geguckt und nun war das unsre Burg. Kamen die anderen Jungen vom Nachbarblock und wollten auch rein, wir dann mit Äpfeln und Birnen auf die drauf und was unten landete, kam auch gleich wieder zu uns hoch bis Boden, Treppen und Wände mit einem einzigen Brei bedeckt waren. Ja und als ich nach Hause komm‘, was soll ich euch sagen, find‘ ich die Schlüssel nicht. Und ich such‘ und such‘ ewig die Taschen ab. Naja, wieder zurück, und wo warnse? Am Haus, direkt unterm Fenster, wo wir rausgeballert haben. Na, mal wieder Glück gehabt. Wie immer mit den Schlüsseln. Das Haus übrigens wurde dann Jahre später von so genannten Punks besetzt, hatt‘ ich in der Zeitung gelesen, da hat ich schon gar nicht mehr da gewohnt. Aber eigentlich waren wir ja die ersten, ne. Jaja, Punks, Häuser besetzen, ja jetzt fragste wieder so viel, aber ich schweif ja ab, ist ne andere Geschichte… Aber wer weiß, wen ich von denen noch kannte …

Einmal im tiefsten Winter steh ich wieder vor der Tür. Natürlich keiner da. Ich Handschuhe aus, jaha Handschuhe, krempel alles um, frier wie nur was. Was? Ja, klar, eiskalt war das! Wenn ihr wissen wollt wie das ist, geht in die Schneehalle, weiß doch auch nicht, warum eure Mutter nicht mit euch da hingeht. Weil das nicht echt ist … ja mensch, das weiß ich auch, aber wie solln die denn wissen, wie das ist, wenn einer sich den Arsch abfriert. Jaja, nicht so vor den Kindern, weißt du, ich erzähl‘ den hier was und die checken das gar nicht, weil die nichts wissen, obwohl doch … Ja, das mach ich dann aber auch. So, wo warn wir. Ja, also ich find‘ die Schlüssel nicht, wieder zurück. Und jetzt stellt euch mal vor, der Schnee, ja strengt euch halt mal ein bisschen an, der Schnee, denkt halt an kalte Schlagsahne, der Schnee war sooo fest und steif gefroren, dass ich am Umriss auf der Schneedecke sehen konnte, wo der runtergefallen ist. Typisch der Bengel, hieß es dann immer, mehr Glück als Verstand.
Ich weiß ja heute, dass das nichts mit mir zu tun hatte, sondern dass dieses Glück noch jedem Kind zukommt, nicht wahr ihr Rabauken. Aber passt auf, ich bin noch nicht fertig.

Meiner Mutter war das ja unheimlich, ständig die Sucherei und ewig geht das auch nicht gut. Es ging zwar immer gut, aber wer weiß, wie lange noch und überhaupt … also was rangemacht, erstmal ne lange Kette. Hat nichts genutzt, kann ich euch gleich sagen. Dann an die Kette nen Haken, Haken an die Hose ran. Zack, nächsten Tag, Schlaufe, Kette, Schlüssel weg. Ging dann ja mal wieder gut, aber wie gesagt, also sie bleibt eisern, kennt‘ ja eure Uroma, so warse damals auch schon. So und was machtse?! Packt entnervt wie sie war nach so einer schwarzen Rolle Paketklebeband, der Schlüssel bleibt beim Jungen, legt mir den kalten Schlüssel an den Bauch und rollt diesen dicken Klebestreifen rüber. Mensch, wie das gejuckt hat! Und einmal um mich rum, wirklich, da hat ich dann so‘n schwarzen Streifen um mich rum. Und das dollste war ja, das ich zwar den Schlüssel bei mir hatte, aber nicht reinkam, weil ich konnte mir das nicht abziehen, hat zu doll geklebt. Da war ich dann mein eigener Schlüsselanhänger.

So, ihr Lümmel, und jetzt zieht euch die Schuhe an, wir gehen in den Speicher , damit ihr mal ne ungefähre Vorstellung bekommt.

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